TETRALEMMA
Fallbeispiele, Erfahrungsberichte, Hintergrundwissen

Fallbeispiel: Namibia, Sicherheit, innen, aussen und darüber hinaus

Lösungsfokussiertes Coaching und Tetralemma-Aufstellung

Das folgende Beispiel für eine Tetralemma-Aufstellung eingebettet in ein lösungsfokussiertes Gründungs-Coachinggespräch zeigt sehr schön, wie durch die Aufstellung ein Thema aufgeklappt, auf der Wahrnehmungsebene angeschaut, durch Erfahren neue Erkenntnisse gesammelt und neue Qualitäten erlebt werden können, die weit über das Gespräch hinausgehen.

Durchgeführt wurde es im Einzelsetting. 

Themenstellung

Der Klientin, eine junge Frau Mitte 30 geht es um eine Neuorientierung nach längerer Arbeitslosigkeit. Davor war sie nach ihrem Doppelstudium mehrere Jahre berufstätig bis sie von einem burn-out gebremst wurde.

Eine Möglichkeit für sie ist, sich zusammen mit ihrem Partner selbständig zu machen und Spezial-Reisen nach Namibia zu veranstalten. Da es andere Fragen in der Partnerschaft gibt, denkt sie, dass dieses Thema noch Zeit braucht. Die Möglichkeiten bzw. Interessen, die sie sieht, gehen von einer Selbständigkeit, allein oder mit Partner, über Japanisches Heilströmen bis hin zu einem Job in der Tourismusbranche.

Als Hindernis, warum sie noch nicht ins Handeln kommt, nennt sie die inneren „zähen“ Kräfte, die sie zurückhalten. Sie möchte im Beruf genug Geld verdienen und das ohne wieder in den Bereich von Burnout zu kommen. Sie hat seit dieser schwierigen Erfahrung viel Zeit für sich und das hat sie zu schätzen gelernt. Sie reflektiert viel, tut Gutes für sich und auf diese Qualitäten möchte sie nicht ganz verzichten müssen.

Systemisches Wissen: Beim lösungsfokussierten Coaching geht es zunächst darum, die Ressourcen zu stärken und Möglichkeiten zu erweitern. Je nachdem in welcher Phase sich jemand im Zielfindungs- bzw. Zielannäherungsprozess befindet, kann es auch um Aktivierung von Handlungsmöglichkeiten gehen. Zeigt sich dabei etwas seltsam-diffuses und läßt sich dieses Diffuse durch Fragen nicht klären, dann liegt es meist auf der Ebene des Nicht-Kognitiven bzw. des Unbewußten.

Die Strukturaufstellungsarbeit nutzt die verbale und die nonverbale Sprache und geht darüber hinaus (transverbale Sprache). Die räumlichen Bezüge und das intuitive Wissen werden miteinbezogen und ermöglichen ganz andere Art von Informationen. 

Aufstellungsprozess

Nachdem wir gemeinsam ihre anfängliche Abwertung der “bockigen“ inneren Hindernisse in ein legitimes Sicherheitsbedürfnis umgedeutet haben und nach einer kurzen Einführung des Tetralemma-Modells wechseln wir die Arbeitsform und machen eine Tetralemma-Aufstellung.

Aufgestellt werden das Eine (die beruflichen Möglichkeiten), das Andere (der Teil, der Sicherheit, aber auch Spaß, genug Geld und Zeit für sich selbst braucht), Beides und Keines von Beidem als festes Tetralemma in einem Viereck.

Wie es sich bald herausstellt, steht auch das Eine für einen inneren Anteil und es folgt ein intensiver Prozess zwischen zwei jüngeren Anteilen in unterschiedlichem Alter und mit unterschiedlichen Qualitäten und Kompetenzen. Durch Perspektivenwechsel und achtsamen Dialog entsteht ein Sehen und Gesehen werden, ein Verstehen und Annehmen dieser inneren Anteile. Die Position Beides zeigt sich als eine Möglichkeit in die Vogelperspektive zu gehen und zu beobachten.

Nach diesem offensichtlich wichtigen inneren Prozess wurde das ursprüngliche Eine und das ursprüngliche Andere, also die inneren Anteile zusammen zum neuen Einen (innen) erklärt und ein neues Element „ins Tun kommen“ als das neue Andere (Außen) eingeführt. Damit war das im lösungsfokussierten Vorgespräch geäußerte Ziel handeln und ins Tun kommen an einer anderen Stelle wieder im Bild.

Im weiteren Prozess erlebte die Klientin, wie sie mit dem inneren Druck, der beim Schritt nach Außen entsteht, besser und einfühlsamer umgehen und sehr wohl ins Tun kommen kann.

 Systemisches Wissen: Durch das Einbeziehen der Körperwahrnehmung in der Aufstellung öffnet sich eine andere Informationsebene, die meist in Tiefe und Schärfe über die Möglichkeiten des Gesprächs hinausgeht. Ein Sich-Wandelns des Themas in der Aufstellung wie in diesem Beispiel ist nicht so selten. In diesem Beispiel war der interne Dialog erst in der Aufstellung möglich, als ob etwas aufgeklappt, angeschaut und wieder zugeklappt wird.

Erst durch die veränderte Qualität des Umgangs mit sich selbst war ein Schritt ins Außen, in die Handlung möglich.

 

Diesen Prozess beschreibt die Klientin im folgenden Erfahrungsbericht sehr schön aus ihrer eigenen Perspektive.

Mag.a Esin Suvarierol

Autorin: Mag.a Esin Suvarierol

Betriebswirtin, Inhaberin der Unternehmensberatung für Systemische Lösungen.

Arbeitsschwerpunkte sind Systemische Beratung in Veränderungsprozessen, in Projekten, in interkultureller Zusammenarbeit mit Schwerpunkt Türkei sowie Weiterbildungsseminare in „Systemisches Coaching nach SySt“. Sie ist zertifiziert vom SySt-Institut in München in Systemischer Beratung mit Schwerpunkt Systemische Strukturaufstellungen (SyS) und ist in Österreich und in der Türkei tätig.

Erfahrungsbericht: Namibia, Sicherheit, innen, außen und darüber hinaus

EINE TETRA-LEMMA-ERFAHRUNG

Ausgangssituation: Ich bin schon seit längerem arbeitslos, es gibt diverse Richtungen, in die ich gehen könnte, es scheitert allerdings an der Umsetzung. Es gibt eine Reihe von ABERS und einen Teil in mir der mich zurückhält. Dies ist Ursache dafür, dass jeder Schritt in Richtung „ins Tun kommen“ gar nicht gelingt oder nur mir großer Anstrengung und auch Widerwillen.

Die Frage ist also: Was ist denn da so bockig in mir?

Da gibt es das EINE, das die verschiedensten Möglichkeiten darstellt für meine berufliche Zukunft. Und es gibt das ANDERE, dass als Ziel sieht: finanzielle Absicherung, kein burn-out, Spass an der Arbeit, genug Freizeit und die Möglichkeit eines Kindes.

Nachdem ich das ANDERE, also den Widerstand, abschätzig als inneren Schweinehund bezeichnet hatte, kamen zwei Fragen auf: Erstens was hat denn dieser Teil gutes, was ist sein Potential und was braucht er, damit er sich nicht immer dagegenstemmen muss, sondern „mitgehen“ kann. Was er braucht, war schnell klar: Sicherheit. – Die Frage: Wie kann man ihm die geben?

Im Sinne einer Tetra-Lemma-Aufstellung fanden sich dann vier Positionen auf zwei zueinander normalen Achsen, wobei sich auf einer Achse der FOKUS und BEIDES gegenüberstanden und auf der anderen das EINE und das ANDERE, alle mit Blick in Richtung zueinander (das hab ich ja jetzt sehr geschwollen beschrieben, ich hoffe es ist trotzdem verständlich).

Aus der Position des FOKUS habe ich das EINE und auch das ANDERE wahrgenommen, BEIDES war wie ein weißes unbeschriebenes Blatt.

Auf der Position des EINEN kam „Ich könnte doch einfach mal was probieren ohne schon vorher zu wissen, dass all die Forderungen des ANDEREN erfüllt sind; wenns nicht passt, dass kann man es ja wieder lassen“. Außerdem konnte ich die Angst des ANDEREN wahrnehmen, hatte allerdings keine Idee wie man denn konkret helfen könnte. Deshalb habe ich mich aus dieser Position dem ANDEREN mit der Frage zugewandt, was es denn braucht.

Aus der Position des ANDEREN habe ich mich eingehüllt in weißen Nebel empfunden, die Frage des EINEN nicht wahrnehmend. Es war mir nicht möglich irgendeinen Bezug zum Außen herzustellen.

Ich habe mich dann als FOKUS neben das ANDERE gestellt und habe diesen Teil wahrgenommen als Teil von mir, der sich in einer großen weißen Kugel versteckt, die auch noch von dichtem Nebel umhüllt ist. Ich habe diesem Teil einfach einmal meine Aufmerksamkeit geschenkt und festgestellt, dass es ein Anteil von mir ist, der sich in frühen Jahren aus welchem Grund auch immer abgekapselt hat, der keinen Bezug zu dem hat, was jetzt ist, der viel Zuwendung und einen sehr behutsamen und nicht drängenden Umgang benötigt. Alleine dieses Wahrnehmen hat offenbar dazu geführt, dass sich der Nebel um die Kugel gelichtet hat, was ich einfach mal als Zeichen des Vertrauens interpretiert habe.

Ich habe mich dann als FOKUS neben das EINE gestellt und habe dieses als den Anteil in mir wahrgenommen, der sagt: „Ich will Spass haben, es darf leicht sein.“ Mit Blick auf das ANDERE konnte ich Verunsicherung spüren, weil ich als FOKUS nicht mehr neben ihm stehe.

Es hat sich also gezeigt, dass das EINE ein Teil in mir ist, der bereit wäre „mit Spass ins Handeln zu kommen“ und das ANDERE ein Teil in mir ist, der sich in frühen Zeiten abgekapselt hat, der keinen Bezug zu dem hat, was jetzt ist, der Angst hat. Da ist aber auch Vertrauen in den FOKUS, dass es diesem möglich ist, für ihn dazusein und somit auch die Chance gegeben ist, dass dieser Teil sich wieder entkapselt und sein Potential entfalten kann; also auch die Chance, dass es nicht mehr so zäh sein muss, sonder locker und flockig sein darf.

Aus der Position von BEIDES, also der Sicht darauf wie es denn ist, wenn das schon passiert ist, hat sich herausgestellt, dass diese Position eine Metaebene darstellt, sozusagen eine übergeordnete Beobachtungsposition, die folgendes wahrnimmt: Das Potential des ANDEREN ist Neugierde, eine kindliche Neugierde. Wenn diese aus der Kapsel befreit ist und im Jetzt wirksam wird, dann sind das EINE – der Spass – und das ANDERE – die Neugierde – ein Gespann, welches das Potential hat einiges auf den Kopf zu stellen – so wie zwei 14-jährige Teenager, die sich auf den Weg machen die Welt zu entdecken. Die Aufgabe des FOKUS besteht darin, die beiden in Schach zu halten.

Ich bin dann als FOKUS wieder auf meine Ausgangsposition zurückgegangen und hab in Richtung das ANDERE wahrgenommen, dass dieser Teil gerade viel Aufmerksamkeit benötigt und auch Zeit, sprich nicht gedrängt werden will.

Im Zuge dieser Aufstellungsarbeit hat sich gezeigt, dass das Thema innere Prozesse bzw. innere Anteile sind. Die Frage war nun, ob es möchlich ist als FOKUS auch im Außen einen Schritt zu machen, ins Tun zu kommen.

Es kam also noch eine Position dazu, nämlich „INS TUN KOMMEN“ und zwar hinter den FOKUS mit Blick zu diesem.

Aus der Position des FOKUS mit Blickrichtung zum INS TUN KOMMEN ist es mir zunächst nicht gelungen mich wirklich auf das Außen einzulassen, geschweige denn einen Schritt zu setzen. Ich war zwar physisch dem INS TUN KOMMEN zugewandt, aber meine Aufmerksamkeit war dem Inneren, vor allem dem ANDEREN gewidmet.

Als ich dann auf die Position INS TUN KOMMEN wechselte, war das Bild, das sich mir bot, sehr klar. Der FOKUS will sich mir nicht zuwenden, da er glaubt, dass von ihm erwartet wird, dass er gleich loslegen muss, irgendwas tun muss. Aus lauter Angst davor beschäftigt er sich mit Fragen des Inneren. Außerdem ist da die Angst, dass diese Nach-Innen-Schau dann vielleicht keinen Platz mehr hat. Ich habe also dem FOKUS darüber aufgeklärt, dass es überhaupt keinen Zwang gibt gleich loszulegen, sondern dass es eigentlich nur darum geht sich umzudrehen und zu schauen, offen zu sein, denn das ist schon ein SCHRITT, das ist schon TUN.

Zurück auf der Position des FOKUS, habe ich mich dem INS TUN KOMMEN zugewandt und es ist mir gelungen das Angebot anzunehmen und mit offenen Augen zu schauen ohne mich gedrängt zu fühlen und ohne dem Gefühl ich vernachlässige dabei einen inneren Anteil bzw. meine inneren Entwicklungsprozesse.

Schlussendlich hat es viele Erkenntnisse gebracht und es ist mir gelungen einen wichtigen Schritt zu setzen das Dilemma des FOKUS zwischen „nach innen schauen“ (das EINE, das ANDERE, BEIDES) und „außen schauen“ (INS TUN KOMMEN) zu lösen. Denn, es hat sich gezeigt, dass es nicht das eine oder das andere sein muss, sondern dass Platz für beides ist.

Schauen wir, was die Zukunft bringt, ich bin optimistisch ... und sehr dankbar für diese Erfahrung.

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November 2014: Inzwischen sind 10 Monate vergangen. Wie sieht es denn jetzt aus?

Ich habe noch immer keinen Job.

Ansonsten hat sich viel getan!!!! Ich bin Mitte des Jahres nach Wien gezogen ... mit meinen Freund zusammengezogen. – Dies hat viele Turbulenzen mit sich gebracht, viele Turbulenzen!

Ich lebe mich hier schön langsam ein. Ich habe vor 2 Monaten angefangen mit Yoga und auch zu meditieren. Beides tut mir sehr, sehr gut.

Ich bin weiter dran am Psychodrama-Theater.

Und ... vor zwei Wochen habe ich meinen ersten 5-Tage-Kurs JIN SHIN JYUTSU gemacht. Ich „ströme“ ja seit fast 3 Jahren, als Selbsthilfe; habe mich in dieser Zeit sehr intensiv damit auseinandergesetzt und in mir hat alles, jede Phase meines Körpers, Geistes und meiner Seele darauf gewartet dieses nächsten Schritt zu machen. ... Jetzt war es endlich soweit. Und nun beschäftige ich mich jede freie Minute damit. Es ist grandios was das mit mir macht. ... Hab mir heute eine Massageliege geholt und freu mich darauf mit dieser in die Welt hinauszugehen und andere Menschen zu „strömen“. Wer weiß was da noch kommen mag. Vielleicht ist das ja meine Berufung????

Es tut sich also wirklich viel und meine Leben fühlt sich gerade sehr erfüllt an. Auch mein Inneres wandelt sich ständig. Ich glaube das kommt vom Zusammenwirken von Yoga, Meditation, Jin Shin Jyutsu und Psychodrama-Theater.