TEAMCOACHING - PROJEKTCOACHING
Fallbeispiele, Erfahrungsberichte, Hintergrundwissen

FALLBEISPIEL: DER STAND DER STANDORTE

Beispiel für eine Organisations-Strukturaufstellung

Themenstellung

Herr T. nahm an einem Coaching-Workshop mit Strukturaufstellungen teil. Als Prokurist einer Wiener Firma der Tourismusbranche hatte er in den letzten Monaten die Aufgabe, einen neuen Standort in Südtirol aufzubauen.  Der neue Standort, eine hundertprozentige Tochter eines großen Tourismuskonzerns soll von Wien aus administrativ betreut werden.

Mit einer Aufstellung wollte prüfen, ob und wie seine strategischen Maßnahmen greifen und wie sie sich auswirken. Wien sollte das maximale Gewicht bekommen und nicht etwa der französische joint venture Partner des Mutterkonzerns. Der Geschäftsführer der französischen Firma zeigte sich nicht erfreut über die jüngsten Entwicklungen, was Herrn T. beschäftigte.

Aufstellungsprozess

Aufgestellt wurden Herr T., sein Ziel ‚Wachstum für Wien‘, Standorte Wien, Italien, Frankreich zusammen mit den jeweiligen Geschäftsführern sowie Mutterkonzern. Die Aufstellung zeigte im ersten Bild (Ist-Situation), dass Herr T. sein Ziel, mehr Wachstum für Wien kaum gesehen hat, Standort Frankreich war zu sehr in seinem Blickfeld.  Italien hat sich  gar nicht gut gefühlt.  

Systemisches Wissen: Das Anfangsbild einer Aufstellung zeigt zunächst die Ist-Situation, wie sie Herr T. aus seiner Perspektive erlebt.  Der neue Standort war wie die führende Organisation aufgestellt, was im noch nicht ganz abgeschlossenen Aufbauprozess einen Sinn machte, gleichzeitig den neuen Standort bzw. dessen Geschäftsführer überforderte.

Die Grammatik der Strukturaufstellungen und das Hintergrundwissen über die systemischen Prinzipien geben Hinweise, wie eine gute Anordnung aussehen könnte, in dem es allen Beteiligten besser bzw. zumindest gleich gut geht (Prinzip der Allparteilichkeit). Diese werden kurativ verstanden, also im Sinne von ‚so könnte es sein‘ und nicht im Sinne von ‚so soll es sein‘ oder ‚so ist es‘.

Die Aufstellungsleiterin stellt die RepräsentantInnen so um, dass Frankreich seitlich im Bild einen Platz bekommt und Italien links von Wien als die zeitlich später dazugekommene Tochtergesellschaft platziert wird. Italien hat sich deutlich besser gefühlt und war entlastet.  Auch Frankreich ging es besser, wenn es nicht im Mittelpunkt stand, sondern wie eine Partnerfirma, mit der es konzerninterne Zusammenarbeit gab.  In einem nächsten Schritt wurde der Abstand Italien und damit die Eigenständigkeit als neuer Standort verdeutlicht. Im Lösungsbild war nach diesen Umstellungen der Standort Wien ganz auf sein Ziel ‚mehr Wachstum‘ ausgerichtet.

Systemisches Wissen: In Aufstellungen geht es grundsätzlich um einen guten nächsten Schritt, der mit diesen Veränderungen erreicht war. Es können aber auch Zukunftsbilder in Sinne eines „so-tun-als-ob“ Probehandelns und damit Ideen für künftige Entwicklungen generiert werden.

Die Aufstellungsleiterin fragt Herrn T., der die Aufstellung aus einer Außenperspektive beobachtet, ob er weitere Fragen hat.  Herr T. würde wünschen, dass Italien mehr mit Wien mitzieht und im selben Boot sitzt.  Um weitere Informationen zu bekommen wurde noch eine weitere Veränderung in der Aufstellung durchgeführt. Alle RepräsentantInnen veränderten gleichzeitig Ihre Plätze nach eigenen Impulsen, als ob es ein Jahr später wäre. Im neuen Zukunftsbild rückte der neue Standort Südtirol tatsächlich näher zu Wien, wie es Herr T. wünschte, gleichzeitig tauchten weitere Fragen auf, die darauf deuteten, dass es im Laufe der Zeit vielleicht auch neue Aspekte in der Zusammenarbeit mit dem französischen Partner auftauchen könnten.

Systemisches Wissen: In Aufstellungen zeigen die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Personen, Aufgaben, Ressourcen, zwischen System und Umfeld. Das veränderte Aufstellungsbild, auch „Lösungsbild“ genannt, wird vom Fallbringer Herr T. aus der Innenperspektive wahrgenommen und ermöglicht eine Verbindung mit dem erwünschten Zustand. Durch diese Verbindung mit dem ressourcenreichen Lösungsbild und dem anschließenden Ankern kann ein Aufstellungsbild eine intensive Förderung für gezielte Veränderungen sein. Zusätzlich zu den unmittelbaren Erkenntnissen können Aufstellungsprozesse und Lösungsbilder so noch über längere Zeit wirken und die Quelle für weitere Ideen und Erkenntnisse sein.

Autorin: Mag.a Esin Suvarierol

Autorin: Mag.a Esin Suvarierol

Betriebswirtin, Inhaberin der Unternehmensberatung für Systemische Lösungen.

Arbeitsschwerpunkte sind Systemische Beratung in Veränderungsprozessen, in Projekten, in interkultureller Zusammenarbeit mit Schwerpunkt Türkei sowie Weiterbildungsseminare in „Systemisches Coaching nach SySt®“. Sie ist zertifiziert vom SySt®-Institut in München in Systemischer Beratung mit Schwerpunkt Systemische Strukturaufstellungen (SySt®) und ist in Österreich und in der Türkei tätig.

Fallbeispiel: Fehlt etwas für einen guten Projektstart ?

Beispiel für Integration des Fehlenden "das, worum es in diesem Projekt auch noch geht"

Themenstellung

Herr F. wollte sich auf seine Funktion als Projektleiter in einem Projekt vorbereiten. Das Projekt startete bereits in einem Monat und sollte 1 1/2 Jahre dauern. Sein Ziel war die Projektarbeit mit einer für ihn ausreichenden Portion Zuversicht beginnen zu können. Als Auftragnehmer und aktiver Projektleiter befürchtete er, dass sein Auftragnehmer-Partner sich zu sehr in die Projektarbeit einmischen könnte.  Eine Projektaufstellung sollte ihm unter anderem eine Antwort auf diese Frage bringen. Außerdem wollte er wissen, ob er etwas Wesentliches zu berücksichtigen vergessen hatte.

Aufstellungsprozess

Die Aufstellung wurde halbverdeckt durchgeführt, das heißt ohne inhaltliche Informationen, um welches Projekt es sich handelt, um welche inhaltliche Zielsetzung es dabei geht und wer die handelnden Personen sind.

Aufgestellt wurden Herr F. als Projektleiter, weitere drei geplanten Mitglieder des Projektteams -sie wurden A,B,C genannt-, der Auftraggeber und das Projektziel. Keine/r der drei Projekt MitarbeiterInnen hatte das Projektziel wirklich im Blickfeld. Sie konnten das Ziel kaum oder gar nicht sehen. Die Beziehungen der Stellvertreter untereinander und zum Ziel wurden durch Umstellungen besser. Die Aussagen deuteten allerdings darauf, dass noch etwas Wesentliches im System fehlt. Es wurde daher ein zusätzlicher Stellvertreter für "das, worum es in diesem Projekt auch noch geht" eingebracht, das beim Stellvertreter des Projektleiters (die Kundenperspektive) und einigen anderen Stellvertretern eine deutliche Erleichterung auslöste. Einige weitere Interventionen führten zu einem neuen Lösungsbild.

Der Kunde, nachdem er an die Stelle seines Stellvertreters getreten war konnte die Veränderung wahrnehmen. Er hatte durch die Erweiterung des Kontextes eine neue Sichtweise, die ihm ermöglichte, mit mehr Gelassenheit an das Projekt heranzugehen.

Die anschließende Skalenfrage zeigte die Verbesserung. Es wurde später zurückgemeldet, dass das Projekt bereits gut begonnen hatte und die Zusammenarbeit zwischen dem Projektteam und den beteiligten Projektpartnern als sehr konstruktiv erlebt wurde. Ein vermuteter Konflikt zwischen den beiden Auftragnehmern bei der Begleitung des Projektes blieb bisher aus.

Systemisches Wissen:

Abstrakte Elemente, wie "das, worum es in diesem Projekt auch noch geht" werden bei Strukturaufstellungen häufig eingesetzt. Sie ermöglichen ein System zu ergänzen, ohne genau zu wissen, um was oder wen es geht. In diesem Prozess entsteht eine vermehrte „Wie-Information“. Dieses sogenannte „Wie-Wissen“ entsteht durch das Erleben, wie es ist, wenn etwas Wesentliches was bisher übersehen wurde, integriert und einbezogen wird. Diese Art der Vermehrung des Wie-Wissens wirkt auch dann, wenn dabei keine neue „Was-Information“ entsteht. Analog zu dem bekannten Spruch von Steve de Shazer „wir können wissen, was besser heißt, ohne zu wissen, was gut heißt“ können wir erkennen, ob ein System vollständiger ist als vorher.

Deshalb wird bei Systemischen Strukturaufstellungen bevorzugt mit abstrakten Elementen gearbeitet, denn je abstrakter ein Wort, desto höher der metaphorische Inhalt. Das löst Fragen und Suchprozesse nach Antworten aus und birgt viele Deutungs-Möglichkeiten für den Kunden in sich. Das ist aus systemischer Sicht wirksamer als die richtige Deutung. Auch die Übertragung vom konkreten Thema auf andere Bereiche wird so leichter möglich und auch andere Teilnehmende können das Erlebte bzw. das Beobachtete so eher mit dem Eigenem verbinden und übertragen als bei inhaltlich eindeutigen Lösungen.

Autorin: Mag.a Esin Suvarierol

Autorin: Mag.a Esin Suvarierol

Betriebswirtin, Inhaberin der Unternehmensberatung für Systemische Lösungen.

Arbeitsschwerpunkte sind Systemische Beratung in Veränderungsprozessen, in Projekten, in interkultureller Zusammenarbeit mit Schwerpunkt Türkei sowie Weiterbildungsseminare in „Systemisches Coaching nach SySt®“. Sie ist zertifiziert vom SySt®-Institut in München in Systemischer Beratung mit Schwerpunkt Systemische Strukturaufstellungen (SySt®) und ist in Österreich und in der Türkei tätig.